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Selbstorganisation

Phänomen versus Schema

"Selbstorganisation" ist heute ein viel verwendetes Schlagwort, das mit den unterschiedlichsten Bedeutungen verwendet wird: 

  • Seit Langem wird es dafür verwendet, wie eine Person ihre eigenen Aufgaben und Angelegenheiten organisiert. 
  • Jünger ist die Bedeutung, die Emergenz meint, dh das eigendynamische Zusammenwirken vieler oder aller Faktoren eines Systems. 
  • Die jüngste Bedeutung bezieht sich auf das Organisationsschema sich selbst führender Teams, die also ohne hierarchische Führungsstrukturen arbeiten. 
  • In den Systemwissenschaften taucht der Begriff erstmals um die Mitte des 20. Jahrhunderts auf. Am prominentesten wird er von Heinz von Foerster verwendet, einem der bedeutendsten Mitbegründer der Kybernetik. Er beschreibt damit ein Phänomen, das für das Management fundamentale Bedeutung hat. Dazu das Folgende.

von Selbstorganisation

Bis in die 1960er-Jahre war in der Wissenschaft - Stichworte  "Thermodynamik" und "Chaostheorie" -  nur klar, dass Unordnung wie von selbst entsteht und zunimmt, wenn man sie nicht laufend beseitigt.

Heinz von Foerster
zeigte Anfang der 1960er-Jahre jedoch unter großem Aufsehen in der internationalen Wissenschaft unter dem Titel "Principles of Selforganization" auf, dass unter bestimmten Voraussetzungen auch Ordnung wie von selbst zunimmt, ohne dass dies durch eine erkennbare Ursache angetrieben wird. Es entsteht synthetisch determiniert – durch das eigendynamische Zusammenwirken von allen und allem in einem System. 

Das beste praktische Beispiel dafür ist ein gesunder lebendiger Organismus. Die Steuerung und Regulierung aller Vorgänge, welche dem Erhalten der Lebensfähigkeit, Gesundheit oder Heilen dienen, erfolgt nicht aus bestimmbaren Treibern, die an einer bestimmten Stelle liegen, sondern aus dem Zusammenwirken aller Elemente und Faktoren des Organismus. Es gibt keine bestimmte Instanz, etwa sogar das Individuum, das in einem Organismus steckt, das sich darum kümmert, dass etwa das Herz schlägt, die Atmung geht und der Stoffwechsel läuft. Dasselbe Phänomen ist auch in den Organisationen und Teams möglich, die von Menschen gebildet werden, sobald man bestimmte Prinzipien konsequent umsetzt. 

Dieses Phänomen der Selbstorganisation kennen und verstehen bis heute nur ganz wenige.

Angewendet auf die Aufgaben des Managements erklärte Heinz wichtige Prinzipien, die zum Phänomen der Selbstorganisation führen, in mehreren Vorträgen und Interviews, insbesondere an der heutigen Universität St. Gallen, mithilfe konkreter Beispiele. 

So erklärte Heinz etwa, dass nicht die Chefs ihren Mitarbeitern erklären sollten, wie sie ihre Arbeit zu tun haben, sondern dass sie sich von ihren Mitarbeitern erklären lassen sollten, was diese für gute Arbeit brauchen. „Jeder in einem Unternehmen muss ein Manager sein“, brachte er dieses Beispiel auf den Punkt. Es entstand aus den logischen Konsequenzen, die Heinz von Foerster aus den damals bereits gut erforschten Eigenschaften Komplexer Systeme gezogen hat. 

In St. Gallen entwickelte man daraus ein neues Führungsverständnis: In Unternehmen darf es nicht wenige, sondern muss es viele Führungskräfte geben: Jeder muss jeden führen.

von Selbstorganisation und Viable Systems

Stafford Beer, der Begründer der Management-Kybernetik, gehörte zu den wenigen, die Heinz von Foersters Prinzipien der Selbstorganisation in ihrer ganzen Tiefe erkannt, verstanden und genutzt haben. In seinem Design-Modell für effektives Organisieren, das er nicht von ungefähr Viable System Models genannt hatte, finden sich Heinz von Foersters kybernetische Prinzipien der Selbstorganisation umgesetzt. 

Beer untersuchte für sein Modell die gemeinsamen Merkmale der Führung und des Managements von Unternehmen, die bereits sehr lange existierten und erfolgreich waren, um die Anforderungen für viable, dh lebensfähige, Unternehmen zu finden, die sich selbst erhalten können. 

Als Suchfilter orientierte sich Beer einerseits an den Funktionsmustern des gesunden menschlichen Organismus. Er wird in der Wissenschaft seit langem als das beste Modell für optimal organisierte Komplexe Systeme herangezogen. Denn die biologischen Prozesse, die in einem lebendigen Organismus ablaufen, laufen wie von selbst ab, dh sie steuern und regulieren sich wechselseitig selbst.

Andererseits orientierte sich Stafford an den Prinzipien der Selbstorganisation von Heinz von Foerster. Daraus entstand ein Design-Modell für effektive Organisation. Es zeigt die Soll-Werte einer Organisationsstruktur auf, die höchste Effektivität, Effizienz und Lebensfähigkeit erlaubt. Mehrmals wissenschaftlich validiert, bewährt sich dieses Modell, sofern richtig verstanden, bis heute nicht nur in der Praxis jeder Art von Unternehmen oder Institution. Es gewinnt in der Gegenwart zunehmend an Bedeutung, weil es vorneweg auf das zukunftsfähige Meistern hochkomplex-dynamischer Verhältnisse ausgelegt wurde. 

So war es auch für meine Entwicklungen selbstredend, sie auf Heinz von Foersters Phänomen der Selbstorganisation auszurichten, weil Teams ohne hierarchische Führung in vielen Fällen aus verschiedenen, schwerwiegenden Gründen weder sinnvoll noch möglich sind. 

Möchten Sie Heinz von Foerster im O-Ton über sein Phänomen der Selbstorganisation erzählen hören? Sehen Sie sich das folgende Video an:

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